Tipps für Ahnenforscher

Anhang zum HFDO-Kalender für 2010

Viele unserer Landsleute, die mit Ahnensuche beginnen wollen, stehen vor vielen Fragen wie: „Wo soll ich anfangen?“, „Was ist wichtig?“, „Welche Quellen gibt es“ usw. Um ihnen den Einstieg zu erleichtern, habe ich eine Zusammenfassung von Schritten, Quellen und Ratschlägen erstellt.

  1. Befragung von Verwandten.
    Das ist der erste und der wichtigste Schritt. Schreiben sie alles auf, auch das was auf ersten Blick nicht so wichtig zu sein scheint, z. B. die Ehepartner von Tanten, Onkel, Großtanten und Großonkel. Diese Daten können später helfen, die einzelnen Familienstämme miteinander zu verbinden. Sehr wichtig sind auch die Geburts-, Sterbe- und Wohnorte, besonders für die Zeit vor Beginn des Zweiten Weltkrieges, als die meisten Russlanddeutschen noch in ihren angestammten Siedlungsgebieten lebten.
  2. Bücher.
    Von den Büchern empfiehlt sich an erster Stelle das Buch von K. Stumpp, „Die Auswanderung aus Deutschland nach Russland in den Jahren 1763 bis 1862“. Trotz einiger Fehler bei Herkunftsorten bleibt es seit Jahren ein Bestseller. Allerdings sind die Angaben über die Familien, die in den Jahren 1817 und 1833 in das Gebiet Odessa und 1764-67 in das Wolgagebiet ausgewandert sind, unvollständig oder fehlen gänzlich. Die Wolgadeutschen können diese Lücke mit Hilfe des Buchs von I. Pleve, „Einwanderung in das Wolgagebiet 1764-1767“ schließen.
    Für die Schwarzmeerdeutschen ist das Buch von K. Keller, „Die Deutschen Kolonien in Südrussland“ sehr interessant. Die Heimatbücher der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland darf man auch nicht außer Acht lassen.
  3. Archive.
    Für fortgeschrittene Ahnenforscher ist der Kontakt mit einem Archiv sehr hilfreich. In einigen Fällen kann eine Reise zum Archiv noch mehr bringen. Zu den wichtigsten überregionalen Archiven für Russlanddeutsche evangelischen Glaubens gehört das Russische Historische Staatsarchiv in St. Petersburg1. Im Aktenbestand 828 „V. Petersburger evangelischer Konsistorial-Bezirk“ sind Abschriften aus den Kirchenbüchern der Orte, die zur ersten Süddeutschen Propstei gehören. Es sind die Gebiete rund um St. Petersburg, südwestlicher Teil der Ukraine und Bessarabien. Darüber hinaus gibt es die Möglichkeit, diese Akten als mikroverfilmte Ausgabe in der Mormonen-Kirche (s. unten) anzusehen. Das wichtigste Archiv für katholische Russlanddeutsche, auch für Wolgadeutsche beider Konfessionen, ist derStaatsarchiv des Gebiets Saratow2. In den Aktenbeständen 1155 „Mogilewer katholischer Konsistorial“ und 365 „Tiraspoler katholischer Konsistorial“ befinden sich die noch einzig vorhandenen Abschriften der katholischen Kirchenbücher aus dem Schwarzmeergebiet und die Abschriften der katholischen Kirchenbücher aus dem Wolgagebiet. Im Aktenbestand 637 Sammlung der Matrikeln“ sind Kirchenbücher des Wolgagebiets im Original vorhanden. Einige fehlen jedoch, vor allem ältere Bücher. Man kann auch versuchen, in den regionalen Archiven, wie das Historische Staatsarchiv der Wolgadeutschen in Engels3, das Staatsarchiv des Gebiets Wolgograd4 oder das Zentrale Staatsarchiv des Gebiets Samara5, die fehlenden Bücher bzw. Akten zu finden. Nähere Informationen über die russischen Archive findet man unter: rusarchives.ru.
    Für die Schwarzmeerdeutschen kommen Archive wie Staatliches Archiv des Gebiets Odessa und Staatliches Archiv des Gebiets Dnipropetrowsk (russ. Dnjepropetrowsk) in Frage. Die beiden Archive arbeiten zusammen mit dem Institut für Deutschland- und Osteuropaforschung des Göttinger Arbeitskreises an der Erstellung der annotierten Findbücher für seine wichtigsten Aktenbestände: Odessa zum Aktenbestand 6 „Fürsorgekomitee für ausländische Ansiedler in Südrußland“ 1799-1876, Dnipropetrowsk zum Aktenbestand 134 „Fürsorgekontor für ausländische Ansiedler Neurußlands“ 1781-1857. Außerdem befindet sich in Dnipropetrowsk eine große Sammlung von Reisepässen.
  4. Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage (Mormonen).
    Die Kirche unterhält in Deutschland mehrere „familiengeschichtliche Zentren“, wo es Möglichkeiten gibt, Mikrofilme zu bestellen und für drei Monate auszuleihen. Die Anzahl der Mikroverfilmungen ist sehr unterschiedlich. Bayerische Orte sind kaum verfilmt, im Gegensatz zu diesen sind Orte in Baden, Hessen und in der Rheinpfalz vollständig vorhanden. Die Mikrofilme von württembergischen Orten dürfen nur von Kirchenmitgliedern angesehen werden. Von den Gebieten der ehemaligen Sowjetunion sind die Kirchenbücher von Bessarabien (Moldawien) am aussagekräftigsten. Diese sind nach dem Krieg in Berlin und in der Zentralstelle für Genealogie in Leipzig wiedergefunden und dort auch verfilmt worden. Einige russische Archive, wie in St. Petersburg und Samara (Kuibyschew) haben es der „Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage“ erlaubt, ihre Aktenbestände zu verfilmen. Für andere gibt es nur die Möglichkeit, im Lesesaal des jeweiligen Archivs zu forschen. Manche Kirchenbücher, die vor 1940 aufgenommen wurden, sind jetzt nur noch als Film vorhanden, weil die Originale während des Zweiten Weltkrieges vernichtet worden sind. Weitere Information über die Kirche und die Mikroverfilmungen gibt es unter: familysearch.org.
  5. Vereine.
    Es gibt ganz wenig historische Vereine, die sich mit Thema „Russland- Deutschtum“ befassen. Ich kenne auch keinen russlanddeutschen genealogischen Verein in Deutschland. Zwei gibt es jedoch in den USA: AFISGR8, beschäftigt sich vor allem mit Wolgadeutschen, GRHS9, mehr für Schwarzmeerdeutsche gedacht. Die Interessengebiete beider Vereine vermischen sich aber mit der Zeit. Es sind mehrere Revisionslisten von Orten im Wolgagebiet und auch im Gebiet Odessa erschienen. Ein Kontakt mit dem jeweiligen Ortskoordinator hilft in der Regel weiter. Die meisten Ortskoordinatoren sprechen allerdings nur Englisch, das könnte für einige Landsleute erschwerend hinzu kommen.
  6. EWZ (Einwanderungszentrale) – Listen.
    Das sind Einbürgerungsanträge von Personen, die während des Krieges in Deutschland waren und die Einbürgerung bekommen haben. Die Verfilmungen dieser Akten befinden sich in den National Archives10, die Originale im Bundesarchiv11. Die EWZ-Listen findet man unter: odessa3.org.

Da es viele Fehler (Ortsangaben, Geburtsdaten) gibt, kann man diese Listen nicht als Nachweis benutzen, für die Feststellung einer genealogischen Verbindung sind diese aber sehr wertvoll. Einige Listen enthalten bis zu 20 Seiten Text, handschriftliche Lebensläufe und Fotos, deswegen ist es ratsam, die komplette Akte anzufordern.

Waldemar Pflug, Bayreuth



  1. Российский государственный исторический архив, 195112, Санкт-Петербург, Заневский пр., 36
  2. ОГУ „Государственный архив Саратовской области“, 410012, Саратов, ул. Кутякова, 15
  3. ОГУ „Государственный исторический архив немцев Поволжья в г. Энгельсе“, 413100, Саратовской обл., г. Энгельс, Пл. Ленина, 13
  4. ГУ „ Государственный архив Волгоградской области ,„ 400131, г. Волгоград, ул. Коммунистическая, 30
  5. ГУСО „ Центральный государственный архив Самарской области ,„ 443099, г. Самара, ул. Молодогвардейская, 35
  6. Bisher erschienen 6 Bände von 20 geplanten.
    • Band erschienen, weitere sind geplant.
  7. American Historical Society of Germans From Russia, 631 D Street, Lincoln, NE, (Nebraska, USA) 68502-1199
  8. Germans from Russia Heritage Society, 1125 West Tumpike Avenue, Bismarck, NI), (North Dakota, USA) 58501
  9. The U.S. National Archives and Records Administration, 8601 Adelphi Road, College Park, MD, (Maryland, USA) 20740-6001
  10. Bundesarchiv Berlin – Lichterfelde, Finckensteinallee 63, 12205 Berlin